Fassadenvermessung, Laserscanning und Absteckung einer Natursteinfassade
Wenn klassisches Abstecken nicht mehr funktioniert, braucht es ein vermessungstechnisches Konzept, das zur Baustelle passt. Genau das war bei der Sanierung des Rathauses Ingelheim erforderlich. Über mehrere Bauphasen hinweg durften wir für die Stadt Ingelheim eine anspruchsvolle Fassaden-Absteckung für eine vorgefertigte Natursteinfassade durchführen – in enger Abstimmung mit TPI Architekten.
Die besondere Herausforderung: Das Rathaus war während der Arbeiten vollständig eingerüstet. Große Teile des Gerüsts waren zusätzlich mit Netzen oder Planen abgehängt. Eine klassische Fassadenabsteckung mit dem Tachymeter von außen war dadurch praktisch nicht möglich. Trotzdem mussten die Achsen für die Natursteinfassade mit hoher Genauigkeit auf die Baustelle übertragen werden.
Das Ergebnis: Die Fassadenachsen konnten mit einer Genauigkeit von etwa ± 1 cm abgesteckt werden. Die Natursteinfassade ist inzwischen montiert und das Projekt erfolgreich abgeschlossen.
Die Herausforderung: Natursteinfassade, Gerüst und kaum Messraum
Bei einer vorgefertigten Natursteinfassade zählt jeder Zentimeter – eigentlich jeder Millimeter. Die einzelnen Fassadenelemente werden vorproduziert und müssen später exakt zur Planung, zur Unterkonstruktion und zum Bestand passen. Gerade bei einem Bestandsgebäude wie dem Rathaus Ingelheim ist deshalb eine präzise Vermessung und Absteckung besonders wichtig.
Unter normalen Bedingungen würden Fassadenachsen mit dem Tachymeter von außen angetragen und kontrolliert. Bei diesem Projekt war genau das jedoch nicht möglich. Das Gebäude war eingerüstet, die Sichtachsen waren unterbrochen und hinter den Planen standen teilweise nur wenige Zentimeter Arbeitsraum zur Verfügung.
Für uns war schnell klar: Eine Standardlösung reicht hier nicht aus.
Unsere Lösung: Laserscanning als Grundlage für die Fassadenabsteckung
Um trotz der schwierigen Baustellensituation eine belastbare Grundlage zu schaffen, haben wir das Rathaus mit einem FARO Laserscanner terrestrisch erfasst. Dabei kamen über mehrere Bauphasen hinweg mehrere hundert Scanstandpunkte zum Einsatz.
Die Scans wurden direkt im Gerüstbereich und hinter den Planen durchgeführt. Teilweise musste der Scanner über Kopf und in sehr engen Bereichen positioniert werden. Für diesen speziellen Einsatz wurde sogar ein eigenes Spezialstativ angefertigt, um auch schwer zugängliche Fassadenbereiche aufnehmen zu können.
Aus den Laserscans entstand eine hochauflösende 3D-Punktwolke der Rohfassade. Zu diesem Zeitpunkt war die alte Fassade bereits abgetragen. Sichtbar waren Betonflächen, ausgebesserte Bereiche, Versprünge, Kanten, Gerüstbauteile und temporäre Hilfskonstruktionen.
Diese Punktwolke bildete die Grundlage für ein 3D-Drahtmodell, auf dem die weitere Fassadenplanung aufgebaut werden konnte.
Vom 3D-Modell zur realen Achse auf der Baustelle
Auf Basis unseres 3D-Drahtmodells konnten die Architekten die Planung der Natursteinfassade weiterbearbeiten und die benötigten Fassadenachsen definieren. Diese Planung wurde anschließend wieder mit unserer Punktwolke und dem 3D-Modell abgeglichen.
Der entscheidende Schritt war die Übertragung der geplanten Achsen zurück in die Örtlichkeit. Da eine Tachymetermessung hinter dem Gerüst weiterhin nicht möglich war, mussten wir die Achspunkte anders ableiten.
Dazu wurden in der 3D-Punktwolke markante und eindeutig wiederauffindbare Punkte gesucht: Kanten, Versprünge, vorhandene Bretter, Öffnungen, Fassadendetails oder andere auffällige Stellen. Am Computer konnten wir die Abstände von diesen Detailpunkten zu den geplanten Achsen ermitteln. Diese Maße wurden anschließend vor Ort mit Maßband, Lot und Kontrollmaßen auf die reale Fassade übertragen.
Dabei wurde kein Achspunkt nur aus einem einzigen Bezugspunkt bestimmt. Jede Achse wurde über mehrere wiedererkennbare Punkte kontrolliert und zusätzlich untereinander plausibilisiert. So entstand auch unter extrem eingeschränkten Messbedingungen eine präzise und nachvollziehbare Fassadenabsteckung.
Kreative Ingenieurvermessung statt Standardverfahren
Dieses Projekt zeigt sehr gut, was moderne Ingenieurvermessung leisten kann. Es ging nicht nur darum, Punkte zu messen oder Achsen anzutragen. Entscheidend war ein durchdachtes Gesamtkonzept aus:
- terrestrischem Laserscanning,
- 3D-Punktwolke,
- 3D-Drahtmodell,
- digitaler Achskonstruktion,
- örtlicher Detailanalyse,
- Maßband- und Lotkontrollen,
- sowie laufender Abstimmung mit Planung und Baustelle.
Gerade bei komplexen Bestandsgebäuden, Fassadensanierungen und vorgefertigten Fassadenelementen kann diese Kombination aus digitaler Erfassung und klassischer Vermessung den entscheidenden Unterschied machen.
Erfolgreich abgeschlossene Fassadenabsteckung am Rathaus Ingelheim
Die Fassadenabsteckung am Rathaus Ingelheim wurde über mehrere Bauphasen hinweg erfolgreich durchgeführt. Trotz eingerüsteter Fassade, abgehängter Planen und stark eingeschränkter Sichtverhältnisse konnten die Achsen für die Natursteinfassade mit hoher Genauigkeit übertragen werden.
Für uns war dieses Projekt ein gutes Beispiel dafür, wie sich Laserscanning, 3D-Modellierung und präzise Ingenieurvermessung sinnvoll verbinden lassen – vor allem dann, wenn klassische Messverfahren an ihre Grenzen kommen.
